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Festrede am 112. und letzten Habsburgschiessen

Festrede am 112. und letzten Habsburgschiessen

Am Sonntag, 5. Mai 2019 fand das 112. und letzte Habsburgschiessen statt.

Festrede 112. und letztes Habsburgschiessen

Sonntag, 5. Mai 2019; es gilt das gesprochene Wort

Liebe Schützenkameradinnen und Schützenkameraden

Ich bin mir bewusst, dass mir heute eine etwas zwiespältige Aufgabe obliegt. Es ist mir eine umso grössere Ehre und Verantwortung, die Schützentradition auf der Habsburg ehrwürdig zu beenden.

„Freundschaft in der Freiheit“ ist das Leitmotiv unseres Habsburgschiessens. Hier oben auf der Habsburg vereinen sich nicht nur Werte wie das Einstehen für Heimat und Vaterland und das kämpfen für die Freiheit. Nein, es wird die Freundschaft zelebriert.

Welche Gefühlswelt erfüllt uns heute am meisten? Es wird wohl nicht allen gleich gehen. Bei mir vermischen sich Trauer und Unverständnis, aber auch Kampfeslust.

Ich bin traurig, weil mit dem heutigen Tag eine über 100-jährige Tradition zu Ende geht. Als Historikerin, die sich intensiv mit den Habsburgern und der Ablösung durch die Eidgenossen im Jahre 1415 auseinandergesetzt hat, und als Grossrätin eines wunderbaren Kantons unseres Landes – ist dies ein umso schmerzhafter Tag. Und zwar weil wir hier jedes Jahr unserer Wurzeln gedenkt haben, unserer Geschichte, unserer Vereinigung im Kanton Aargau. Ein Kanton, der durch die Geschichte der Habsburger und Eidgenossen geprägt ist, ein Kanton mit verschiedenen Regionen, die wiederum ganz unterschiedliche Erfahrungen mit den Habsburgern gemacht haben. Ein Ort, an welchem Aargauerinnen und Aargauer aus Aarau, Aarburg, Baden, Brugg, Laufenburg, Lenzburg, Rheinfelden, Zofingen und Zurzach jedes Jahr zusammengekommen sind und diese Tradition gelebt haben. Traditionen schaffen Identität, und mit dem heutigen Tag verliert der Kanton Aargau nicht nur eine Tradition, sondern ein Stück Identität.

Daheim haben sich hier nicht nur die Habsburger gefühlt, daheim sind auch wir hier gewesen. Ein Ort, der uns zu unserer Lebzeit unvergessen bleibt, ein Stück Heimat, das uns verloren geht, vertrieben nicht von den fremden Vögten aus Brüssel, sondern aus Bern.


Und damit bin ich bei meinem zweiten Gefühl: Mein Unverständnis gegenüber der überbordenden Regulierung in unserem Land, immer mehr Vorgaben vom Bund, in allen Lebensbereichen, welche allen Kantonen und Gemeinden, allen Menschen und Vereinen, allen Unternehmen übergestülpt werden. Völlig ungeachtet dessen, welche Verhältnisse vor Ort herrschen. Was unsere Schweiz aber stark gemacht hat, ist das Bewusstsein, die Probleme dort zu lösen, wo sie entstehen – mit Pragmatismus, gesundem Menschenverstand und dem notwendigen Gespür für spezielle Situationen. Mehr und mehr wird unser Zusammenleben aber zentralistisch aus Bern diktiert.

In Vorbereitung auf diese Rede habe ich im Jubiläumbuch geblättert. Und darin lese ich das Vorwort des ehemaligen Ständerats und Stadtammanns von Zofingen, Willy Loretan, das brisanter und aktueller nicht sein könnte. Ich zitiere:

„Denn mit den Traditionen des schweizerischen Schiesswesens eng verbunden sind hohe staatspolitische Werte wie die Aufrechterhaltung einer wehrhaften Schweiz, die Milizarmee sowie ein freiheitliches Waffenrecht. Bedroht sind diese Werte heute nicht so sehr von politischen Strömungen, sondern vielmehr von einer überbordenden Berner und Brüsseler Bürokratie.“

Es tut mir, liebe Schützenkameradinnen und Schützenkameraden, weh, wenn ich diese Zeilen lese. Mit welcher Vorahnung Willy Loretan diese wohl geschrieben hat? Nach der Jahrtausendwende konnte das rasche Aus aufgrund von verschärften Umweltschutzbestimmungen noch verhindert werden – jetzt aber hat uns die Regulierung aus Bern eingeholt. Dieses Beschneiden der Freiheit, diese Einmischung in unser Leben, dieses Misstrauen in unsere Vernunft als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, dieses Anmassen des Staats alles besser zu wissen und zu können, ist eine Erscheinung unserer Zeit, der bisher keine Partei in letzter Konsequenz und in allen Bereichen den Kampf angesagt hat. Doch dabei wäre dies so dringend notwendig.

Dieser übertriebene Umweltschutz, wie es schon Willy Loretan bezeichnete, bringt unsere Habsburgtradition, eine der grössten Traditionen unseres Kantons, heute ins Grab.


Heute heisst es also „Ende Feuer“ für unser Habsburgschiessen. Was aber nie erlöschen darf, ist unser inneres Feuer für die hier vertretenen Werte: Freundschaft und Freiheit! Und damit bin ich bei meinem dritten Gefühl: Meine Kampfeslust. Noch nie war meine Lust so gross, für die Freiheit zu kämpfen.

Der Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Werten und Traditionen müssen wir Schützinnen und Schützen begegnen. Wer denn sonst? Ich bewundere unseren Kampf für die Freiheit – bedingungslos, unverhandelbar. Willy Loretan sagte: „Wenn das Schiesswesen stirbt, stirbt ein Teil der Schweizer Geschichte.“ Und ich sage: „Wenn die Freiheit stirbt, stirbt die Seele unserer Schweiz.“ Für diese Seele – für die Freiheit, die Menschen in unserem Land und unser Staatswesen stehen wir ein. Dieses innere Feuer für Freundschaft und Freiheit müssen wir wieder vermehrt hinaustragen. Es trägt unsere Gesellschaft, es ist unser Selbstverständnis. Ausdruck von Freiheit ist der bedingungslose Einsatz für unsere Gesellschaft – nur wer sich frei fühlt, engagiert sich für die Mitmenschen, nur wer sich frei fühlt, macht mehr als auf dem Papier verlangt wird.

Es fehlt nicht nur hier am Habsburgschiessen an helfenden Händen, um die Organisation noch stemmen zu können. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Bewusstsein für Traditionen und Institutionen, an Enthusiasmus und Willen, sich über die eigene Nase hinaus für die Gesellschaft zu engagieren.

Das tut mir weh, weil unsere Traditionen durch das Engagement der Menschen leben, weil es die Menschen sind, die diese Traditionen ausmachen, und weil unser Milizsystem nur funktioniert, wenn alle ihren Beitrag leisten. Völlig egal auf welche Art und in welcher Funktion. Und weil wir durch unser Engagement Freundschaften fürs Leben finden und pflegen.

Es ist mein Appell an Sie, an uns alle: Das Feuer für Freundschaft und Freiheit darf nicht erlöschen, dieses innere Feuer für unsere Heimat und unsere Traditionen, für das Milizwesen und unsere Gesellschaft. Wir sind gefordert, liebe Schützenkameradinnen und Schützenkameraden. Können wir unser inneres Feuer nicht in die Gesellschaft hinaustragen, wird es künftig nicht nur das Habsburgschiessen nicht mehr geben, sondern auch manches Jugendfest, den Maienzug, das Kinderfest, den Rutenzug, das Winzerfest oder die Fastnacht.

Heute ist zwar Ende Feuer – aber nur am Schiessstand. Die Habsburger wurden von hier vertrieben und haben dann die Welt erobert. Wenn wir etwas von diesem wunderbaren Ort hier mitnehmen, dann ist es dies: Der Geist dieses Habsburgschiessens, der Leitgedanke „Freundschaft in der Freiheit“ soll wieder die Schweiz erorbern. Kämpfen wir dafür, auch wenn uns unsere Habsburg heute genommen wird.

In diesem Sinne erheben wir unser Glas und trinken auf die „Freundschaft in der Freiheit“.

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